Bochum bolzt! Wie Fußball und Cleanups zusammenkommen

Es ist immer wieder spannend zu sehen, welche vielfältigen Möglichkeiten es gibt, Umweltbildung, Sensibilisierung und allgemein Werte zu vermitteln. Bei Bochum bolzt verbindet Patrick, Gründer von Bochum bolzt, den integrativen bestandteil von Fußball und Cleanups. Bochum bolzt wird unser Netzwerkpartner und wir freuen uns auf spannende gemeinsame Aktionen. 🙂 Viel Spaß mit dem Interview.

Wie kam es zu dem Projekt „bochumbolzt“?

Nach meiner Schulzeit in Bochum und Berufsausbildung zum Bankkaufmann in München, zog es mich, verbunden mit einem Wechsel zur ersten sozial ökologischen Bank Deutschlands im Jahr 2014 zurück in die Heimat. Dass dieser Schritt mein weiteres Dasein so gewaltig verändern sollte, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. Ab dem ersten Tag bemühte ich mich die Inhalte und die Wirkung der „Öko-Bank“ auf die Gesellschaft zu verstehen. Während dieser spannenden Zeit keimte die anfängliche Idee zu unserem heutigen Engagement auf.

Team Bochum bolzt

Mit der engen Zusammenarbeit mit Christoph von Synappcity – Urban Change Strategies aus Karlsruhe ab 2016 und einer 6-monatigen Reise nach Kanada 2017 formte und stärkte sich meine Vision. Von der ersten Reiseplanung, dass gesamte Land zu sehen abgewichen, blieb ich die überwiegende Zeit in einem kleinen Fischerort an der Westküste Vancouver Islands. Tofino, ein Ort, der bis heute eine magische Anziehungskraft ausstrahlt und sich durch eine spürbare Empathie der Menschen gegenüber einander und der natürlichen Umgebung auszeichnet. Hier, wo das Herz noch zählt und nicht das große Geld! Mit unzähligen neuen Erfahrungen und Perspektiven und dem ersten Konzept – bochumbolzt1.0 – ging es zurück nach Bochum und zur nachhaltigen Bank. Wenige Wochen später kündigte ich meinen Job, um den vollen Fokus auf die Realisierung des Projekts zu legen – zwei Wochen danach, kam die Nachricht der Stadtverwaltung, dass das Projekt zu dieser Zeit nicht umsetzbar ist! In den darauffolgenden drei Monaten – bis zu meinem vorerst letzten Arbeitstag – minimierte und ordnete ich meinen materiellen Wohlstand – online und offline! Kein Job, kein Projekt und ein One-Way-Ticket zurück nach Kanada.

Bochum bolzt auf Instagram

Ein weiteres Mal in Tofino angekommen, bemerkte ich schnell, dass mir das Projekt weiterhin sehr am Herzen liegt. Tagein tagaus redete ich mit zahlreichen verschiedenen Menschen über meine Vision, die enorme integrative und kommunikative Kraft des Fußballs mit der Einfachheit von regionalem Umweltschutz zu kombinieren. Darüber hinaus zeigte mir ein winterliches Beach Cleanup deutlich, wie gravierend unser weltweites Müllproblem ist. An diesem Tag beschloss ich, meinen gesamten Mut zusammenzunehmen und mit voller Energie das Projekt – Bochum nachhaltig von den Unmengen an Müll zu befreien – voranzutreiben. Seit April 2018 studiere ich hierfür „Philosophie, Politik und Ökonomik“ an der Universität Witten/Herdecke. Die Nähe zu Bochum und das liebevolle Netzwerk aus motivierten und engagierten Studierenden und Mitmenschen machten im Juli 2018 das erste Pilotprojekt auf dem Bolzplatz „Am Südpark“ in Bochum möglich – 6 Teams – 50 Bolzplatzheld*innen – 3 große Säcke Müll und ein alter Rollersitz binnen weniger Augenblicke! In der darauf folgenden Sommersaison 2019 haben wir das Vertrauen der Stadtverwaltung stärken können und die Chance bekommen insgesamt fünf Fußballturniere und sieben schulische Cleanups zu organisieren. Mit diesem weiteren Testjahr erreichten und begeisterten wir über 900 Menschen und konnten erschreckende 1,7 Tonnen Müll von Schulhöfen, Bolzplätzen und aus der Natur aufsammeln.

bochum bolzt cleanup

Auf dieser Basis formte sich seit November 2019 ein studentisches Team aus umweltbewussten und liebevollen Menschen, die jeden Tag nach einem sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvollen Lebensstil streben. Dabei beleuchten wir die Nachhaltigkeit von allen denkbaren Perspektiven und sehen unseren Weg als eine ständige Weiterbildung an. Wir sind eng mit der Universität Witten/Herdecke verbunden und unter dem Dach des oikos Witten/Herdecke e.V. organisiert. Unser Team verbindet dabei die verschiedenen Disziplinen (Medizin, Psychologie, Wirtschaft und Kulturreflexion) und wird von unseren Freundinnen und Partner von externen Universitäten sowie aus der Bürgerschaft aktiv mit gestaltet und begleitet. Dieses menschliche Zusammenspiel gibt uns die Chance unser Angebot zu erweitern und bochumbolzt auch nach Witten zu bringen.

Wer organisiert die Turniere/CleanUps und wer beteiligt sich dabei?

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Es braucht nicht viel, um viel zu erreichen! Nach diesem Leitsatz gestalten wir unsere Projektumsetzung. Wir arbeiten daher mit den Gegebenheiten vor Ort, egal ob auf dem Bolzplatz, Schulhof oder im Quartier. Im Fokus soll das Miteinander durch Dialog und Austausch sowie die Wirksamkeit im unmittelbaren Umfeld stehen. Hierfür haben wir verschiedene Formate entwickelt, die alle auf unser Ziel, unsere Stadt nachhaltig von den Unmengen an achtlos weggeworfem Müll zu befreien, anspielen. Dabei legen wir immer besonderen Wert auf eine positive Beleuchtung des Themas, sodass anstelle von Resignation und Angst zu einer hoffnungsvollen Mitgestaltung angeregt wird. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und lokalen Handlungsoptionen unterstützt den Prozess und macht den eigenen regionalen Einfluss deutlich. Die als unüberwindbar scheinende globale Klimakrise wird so auf einen überschaubaren lokalen Rahmen begrenzt, der Handlungsmöglichkeiten bietet.

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Unser Leitformat ist die (online) Kampagne #eineHandvollMüll, die unsere grundlegende Philosophie stark verdeutlicht. Hierbei regen wir viele Menschen zu vielen kleinen Gesten des aktiven und regionalen Umweltschutzes an, indem wir mit gutem Beispiel voran gehen und regelmäßig eine Handvoll Müll auf unseren täglichen Wegen aufsammeln und entsorgen. Ziel dieser Kampagne ist es, zu zeigen, dass durch viele kleine Gesten von vielen engagierten Menschen unsere Stadt nachhaltig von den Unmengen Müll befreit werden kann.

Unser Kernformat, die Turnierreihe „Bolzen für den guten Zweck“, wird von unserem gesamten Team und unseren Partnerinnen und Freunden organisiert und mit gestaltet. Dabei sprechen wir gezielt Schüler*innen und Lehrer*innen von Grundschulen aus Bochum und Witten an, welche wir als Multiplikator*innen unseres Schaffens und unserer Werte empfinden. Mit diesem Format legen wir den Fokus auf die enorme integrative und kommunikative Kraft des Fußballs und die Einfachheit von aktivem und regionalem Umweltschutz. Diese Kombination sieht in der Praxis so aus, dass wir, gemeinsam mit dem Fanprojekt Bochum, Fußballturniere für Schülerinnen und Schüler auf einem nahegelegenen Bolzplatz oder direkt auf dem Schulhof organisieren. In den Spielpausen animieren wir die Bolzplatzheld*innen die Spielfläche und die unmittelbare Umgebung von dem achtlos weggeworfenen Müll zu befreien.

#einehandvollmüll auf Instagram

Darüber hinaus organisieren wir generationsübergreifende und bewusstseinsschärfende Müllsammelaktionen. Bei dem Format „It´s clean up time!“ gehen wir aus unserer primären Zielgruppe heraus und laden die gesamte Bürgerschaft zu öffentlichen Orten, wie zum Beispiel in den Stadtpark, zum gemeinsamen Cleanup ein.

Wie kann man alle Gesellschaftsschichten von diesem Thema begeistern?

Der Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine komplexe und schwierige Herausforderung. Das macht das Thema jedoch nicht weniger wichtig. Um gleichzeitig eine Überforderung/Überwältigung der Schüler*innen und der Bürgerschaft zu vermeiden, streben wir eine inhaltliche Reduktion auf zwei wesentlichen Handlungsfeldern an. Dabei steht die unmittelbare Lebenswelt sowie direkte und einfache Handlungsmöglichkeiten im Fokus. Konkret geht es uns darum, Müllvermeidung und Fußball zu verknüpfen.

Der Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine komplexe und schwierige Herausforderung. Das macht das Thema jedoch nicht weniger wichtig.Klicken zum Tweeten

Die Omnipräsenz von Müll ist gravierend. Auch im direkten Umfeld von Schüler*innen werden wir täglich mit den Resten des Überkonsums und der Verschmutzung unserer Umwelt konfrontiert. Deshalb möchten wir im Rahmen von bochumbolzt zur Müllreduktion anregen, indem wir gemeinsam Müll sammeln und damit zur Sauberkeit unserer Umgebung beitragen. Um eine müllreduzierte Welt voran zutreiben, brauchen wir sensibilisierte Individuen, die verantwortlich und solidarisch mit sich und ihrer Umwelt umgehen. Dafür ist es unabdingbar, ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu verbinden. Fussball ist für uns ein geeignetes Medium, um diejenigen Charaktereigenschaften zu stärken, die zu einer ökologischen und sozialen Welt beitragen. Hier hat Fussball die Kraft, Solidarität und Verantwortungsübernahme im sozialen Miteinander zu verknüpfen.

Was ist das Kurioseste, was ihr bisher gefunden habt?

In unseren Augen ist es das Kurioseste, dass wir im Schnitt 50 Kilogramm Müll auf Bochumer Schulhöfen und der unmittelbaren Umgebung gefunden haben.

Habt ihr Ideen, wie man das Müllproblem an der Wurzel packen kann?

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Eine riesige Chance ist die Umweltbildung. Unsere Initiative ist darauf ausgerichtet, die Gestaltungskompetenz der Schüler*innen, sowie der ehrenamtlich tätigen Mitwirkenden zu stärken. Die Gestaltungskompetenz ist die Fähigkeit, Wissen über nachhaltige Entwicklung anzuwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung zu erkennen. Das Konzept und ihre dazugehörigen Kompetenzen wurden von Gerhard de Haan im Rahmen des Schulmodellprogramms der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) entwickelt.
Konkret wollen wir die Zielgruppe dazu befähigen, sich und andere motivieren zu können, für eine nachhaltige Zukunft aktiv zu werden. Dabei ist es entscheidend, selbstständig und vorausschauend Denken und Handeln zu können und im Sinne einer weltoffenen Lebenseinstellung die Partizipation Anderer zu fördern. Gleichzeitig möchten wir die Schüler*innen dazu befähigen, offen Empathie und Solidarität zeigen zu können und durch selbstständiges Handeln einen Beitrag zu einer für Alle besseren Zukunft zu leisten. Unser Handeln fordert und befähigt sowohl die ehrenamtlichen Mitglieder*innen, sowie auch die Schüler*innen zu einer Reflexion der eigenen Leitbilder.

Inhaltlich wollen wir Wissen über die Zusammenhänge von ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit vermitteln und somit einen ganzheitlichen Blick auf nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungen bieten. Um dem Gefühl der Überforderung und Resignation entgegen zu wirken, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf lokale Handlungsfelder, welche einen Beitrag zu globalen Effekten leisten. Hierfür haben wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Freunden ein nachhaltigkeitspädagogisches Konzept entwickelt, welches die Punkte 1. Mensch und Natur, 2. Ernährung und Gesundheit und 3. Konsum beinhaltet. Dieses Konzept testen wir in diesem Sommer mit den Schüler*innen des Ruhr-Gymnasiums in Witten in Form eines gesamten Monats und mit weiteren Grundschulen in intensiveren Formaten.

Dabei möchten wir mit den Schüler*innen stets auf Augenhöhe kommunizieren und aktive Beteiligung und Betätigung fördern. Anders als im Schulalltag können wir dabei verstärkt auf informelle Lernwege zurückgreifen und durch eine spielerische, niedrigschwellige Herangehensweise, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse, neue Impulse in der nachhaltigen Pädagogik setzen.

Habt ihr noch eine Nachricht an unsere CleanUp Netzwerk Leser?

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Kinder, Schule, Sport


Thomas Venugopal

Thomas Venugopal

Auf Cleanup Network setze ich meine berufliche Erfahrung im Online-Geschäft ehrenamtlich und gemeinnützig ein, um meine Mitmenschen für das Thema Vermüllung zu sensibilisieren und mobilisieren. Der Netzwerkgedanke ist der Kern dieser Plattform. Daher freue ich mich über jede Form der Kontaktaufnahme.

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