Zu Gast beim Mehrweg-Einweg Infoabend von Getränke Kastner und Fritz Kola

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Warum veranstaltet ein Getränkehandel aus Vaihingen einen Infoabend? Nun, Hans-Peter Kastner ist nicht irgendein Getränkehändler. Denn im Sommer diesen Jahres hat er sich dazu entschieden, Plastikflaschen komplett aus seinem Sortiment zu verbannen. Damit ging er einen mutigen Schritt und setzte ein wichtiges Zeichen gegen Plastikflaschen die häufig zur Vermüllung beitragen. Am Freitag, 25.10.2019, etwa drei Monate nach seinem Sortimentswandel, lud Hans-Peter Kastner nun zusammen mit Fritz Kola aus Hamburg zum Infoabend ins Häussler Forum in Vaihingen ein. Wir, das Cleanup Network, haben uns sehr über die Einladung gefreut und waren zu dritt vor Ort.

Was war nun der Anlass des Abends?

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Am Freitag haben sechs verschiedene Redner über das Mehr- und das Einwegsystem von Glas- und Plastikflaschen diskutiert. Das Thema ist komplex und es vollständig zu erklären würde den Umfang dieses Beitrages sprengen. Der enorme Unterschied zwischen den beiden Pfandsystemen ist aber, dass Mehrwegflaschen – wie der Name schon sagt – wieder befüllt werden können so, wie sie sind. Die Glas- und Hartplastikflaschen werden gesäubert und gelangen so direkt zurück in den Warenkreislauf. Einwegflaschen werden dagegen zerstört und stofflich verwertet. So wird zum Beispiel Kunststoffgranulat hergestellt.

Man geht davon aus, dass die Rückläufe beider Systeme bei weit über 90 % liegen. Insofern funktionieren zwar beide Systeme, Studien haben allerdings ergeben, dass das Mehrwegpfandsystem trotz verhältnismäßig langer Transportwege um ein Vielfaches ökologischer ist. Deshalb hat Hans-Peter Kastner zum 1. August 2019 alle Einweg-Dosen und Plastikflaschen aus seinem Sortiment genommen, obwohl der Umsatzanteil an Einweg in seinem Getränkemarkt bei 30 % lag. Um weite Transportwege zu vermeiden, bezieht er sein Sortiment an Mehrwegflaschen aus der Region. Sein Umschwung brachte ihm deutschlandweit mediale Aufmerksamkeit ein und diese Bekanntheit nutzt er um weitere Hersteller und Händler für seinen Weg zu gewinnen. Zum Infoabend waren sechs Gäste aus der Branche geladen.

Wer hat gesprochen und welche Positionen wurden vertreten?

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Selbstverständlich stand Hans-Peter Kastner selbst am Podium. Er sei „angewidert“ gewesen von dem Müllberg, den er an Plastikflaschen in seinem Unternehmen sammelte. Das Mehrweg-System wäre dagegen Umweltschutz und es sei bedauernswert, dass Mehrweg heutzutage nur die Alternative, nicht aber die Regel ist. Einige seiner Kunden seien ihm durch den Sortimentswechsel tatsächlich ferngeblieben. Dafür wären aber neue Kunden hinzugekommen.

Posting von Hans-Peter Kastner

Das ist das Posting auf Facebook, dass vor etwa vier Monaten Wirbel sorgte. Hans-Peter Kastner teilte seinen Kunden mit, dass er keine Einwegplastikflaschen mehr führen wolle.

Offener Brief an alle Kunden und Nichtkunden der Firma Getränke Kastner

Sehr geehrte Kunden, sehr geehrte Damen und…

Gepostet von Getränke Lieferservice Kastner am Montag, 17. Juni 2019

Mirco Wolf Wiegert ist einer der Gründer von Fritz Kola aus Hamburg. Sein Unternehmen produziert ausschließlich in Mehrweg-Flaschen die dezentral an fünf Standorten in Deutschland abgefüllt werden. Ihm liegt vor allem am Herzen, dass die Glasflaschen von Fritz Kola zu 100 Prozent wiederverwertbar sind. Außerdem stellen Glasflaschen keine Risikoquelle für Mikroplastik dar.

Daniel Renkonen, MdL, ist klimapolitischer Sprecher und Sprecher für Verkehrspolitik der Landtagsfraktion der Grünen am Landtag in Baden-Württemberg. Auch er sprach sich deutlich gegen das Einwegpfandsystem aus und sieht die Verantwortung vor allem in der Abfallpolitik. Gesetzlich ist vorgesehen, dass die Quote an Mehrwegpfandflaschen bei 70 % liegen soll. Doch die Realität sieht anders aus, denn der Mehrweganteil in Deutschland liegt 2019 gerade einmal bei 43 %. Vor einigen Jahren waren es übrigens noch 51 % – das bedeutet der Prozentanteil an Mehrwegpfandflaschen nimmt sogar ab. So werden im Moment jährlich 16 Milliarden Einwegverpackungen verbrannt. Die Anlage in Stuttgart-Münster seien vollkommen ausgelastet. Die Lösung wäre ihm zufolge das Wertstoffgesetz, das bisher auf Bundesebene abgelehnt wurde.

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Infografik: Mehrweganteil bei Getränken nimmt ab | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Auch Jürgen Resch, Bundesvorstand der Deutschen Umwelthilfe (DUH) vermeldete, dass der die Verpackungsentwicklung in Deutschland trotz Sensibilisierung für Umwelt und Klimanotstand sogar steigen würde. „Deutschland ist Europameister beim Verpackungsmüll“, sagte Resch in seinem Vortrag. Discounter wie Aldi und Lidl würden aus Kostengründen komplett auf das Mehrwegpfandsystem verzichten. Hinzu käme, dass Einwegflaschen in der Regel günstiger seien. So zeigen Studien, dass die Plastikreste in den Meeren vor allem auf Global Player wie Coca-Cola, Nestlé und Pepsi entfallen. Darüber hinaus machte er deutlich, dass das Mehrweg-System auf lange Sicht in jeder Ökobilanz besser abschneiden würde. So könne eine 0,7l-Mineralwasser-Glasflasche bis zu 50 Mal wieder befüllt werden. Sie ersetzt so 23 Einwegflaschen aus Plastik á 1,5l. Mit der Kampagne „Mehrweg ist Klimaschutz“ will die DUH alle Gemeinden in Deutschland Einweg-Plastikfrei machen. Die Mehrwegquote von 70 % soll eingehalten werden. Bei einer Quotenunterschreitung soll eine Abgabe auf Einweg-Plastikflaschen und -dosen eingeführt werden.

dirk reinsberg

Auch Dirk Reinsberg, Geschäftsführender Vorstand des Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels e.V. sprach sich deutlich für das Mehrwegsystem aus. Vielen Verbrauchern sei der Unterschied zwischen Einweg- und Mehrwegpfandflaschen noch immer nicht bewusst. Die Kennzeichnung an den Regalen sei nicht groß genug, sagte er.

Mia Wilkinson von Fridays for Future Weil der Stadt plädierte hingegen dafür, den eigenen Einkaufszettel als Stimmzettel zu nutzen und auf Plastikverpackungen zu verzichten.

Alldem gegenüber stand einzig und allein der Vortrag von Hans Baxmeier von PET-Cycle. Ganz abgesehen davon, dass die Plastikflasche leichter zu tragen wäre, bestünde sie zu mindestens 55 % aus Rezyklat. Bis 2020 wolle man im Unternehmen die 75 % anpeilen. Außerdem sei ein geschlossener Kreislauf gewährleistet. Nahezu 100 % der Flaschen würden zurückkommen und wiederverwertet werden.

Welches Fazit ziehen wir aus dem Abend?

Baxmeier stand selbstverständlich mit seinem Plädoyer für das Einwegpfandsystem mehr oder weniger alleine da und sorgte mit seinen Aussagen für die ein oder andere hitzige Diskussion auf der Bühne. Auch wir als Cleanup Network sprechen uns natürlich klar für das Mehrwegpfandsystem aus. Obwohl wir bei unseren Cleanups sowohl Plastik-, als auch Glasflaschen aufsammeln, sind es doch PET-Flaschen, die der Umwelt nachhaltig Schaden zufügen, in den Meeren landen und Spuren von Mikroplastik hinterlassen.

Letztendlich ist uns ein Zitat aus dem Vortrag von Jürgen Resch im Kopf geblieben, der wiederum Janez Potocnik zitiert hat:

„Die beste Verpackung ist die, die gar nicht erst anfällt.“Klicken zum Tweeten

In diesem Sinne haben wir in der Regel unsere eigenen wieder befüllbaren Wasserflaschen oder Thermobecher dabei, in denen wir Wasser, Tee oder Kaffee transportieren. Immerhin ist unser Leitungswasser in Deutschland so sauber wie fast nirgends anders. So spart man nicht nur Verpackungsmüll, sondern auch Geld und verzichtet obendrein auf die lästige Schlepperei von Flaschen und Kisten. Und wenn’s dann doch mal sein muss, dann greifen wir selbstverständlich lieber zur Mehrweg-Glasflasche.

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Mehrweg, Recycling, Stuttgart


Isabel Mayer

Isabel Mayer

Als angehende Redakteurin liegt es mir sehr am Herzen auf CLEANUP NETWORK über Themen zu schreiben, die heutzutage wirklich wichtig sind. So möchte ich mit meinen Texten auf Müllblindheit und Umweltverschmutzung aufmerksam machen, aufklären und mobilisieren. Denn wo ein Netzwerk wächst, da findet wichtige Interaktion statt und die ist wichtiger denn je.

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