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Vom Schweröl-Handel zum Unverpacktladen – Schüttgut in Stuttgart

Unverpackte Produkte im Regal

Wer mal bei einem Cleanup dabei war und den ganzen Verpackungsmüll gesehen hat, wird vieles wiedererkennen. Denn man selbst hat oft Produkte zu Hause, deren Verpackung man auf den Straßen wieder findet. So kommt man zwangsläufig an den Punkt, darüber nachzudenken, wie man den Müll im ersten Schritt schon vermeiden kann. In Supermärkten wie Lidl, Aldi, Rewe, Edeka, Penny, Norma – und wie sie alles heißen – findet ganz langsam ein Umdenken (häufig bedingt durch anstehende gesetzliche Auflagen) statt. Aber größtenteils ist doch alles in Plastik verpackt. Bei vielen Menschen stellt sich Resignation ein, denn man scheint sich dem System nicht entziehen zu können. Doch, kann man. Aber man muss sich informieren. Und: ohne die eigene Komfortzone zu verlassen werden wir es nicht schaffen, den Wandel hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft – hierzulande und weltweit – zu gestalten.

Es gibt aber heute schon Lösungen zu Vermeidung von Verpackungsmüll, die die man relativ schmerzfrei vollziehen kann. Man muss sich nur entscheiden. Es geht wirklich nicht darum, dogmatisch komplett auf jedwede Verpackung zu verzichten, wie es vielleicht erscheinen mag. Sondern vielmehr darum, immer wieder bewusste Entscheidungen zu treffen.

Lisa, ein neues Teammitglied im Cleanup Network, war in Stuttgart im Unverpackt-Laden „Schüttgut“ und hat sich mit Jens-Peter Wedlich, dem Inhaber, getroffen und viele interessante Antworten zu ihren Fragen erhalten. Viel Spaß beim Lesen!


Wer bist du? Und wie entstand das Schüttgut?

Jens-Peter Wedlich – aufgewachsen in Leonberg-Eltingen, seit 33 Jahren verheiratet mit zwei Kindern und schon immer Vollblut Kaufmann.

Ursprünglich komme ich von der dunklen Seite der Macht.
Angefangen habe ich als Zeitsoldat, bis ich dann in der Chemieindustrie meine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann absolvierte. Später wechselte ich dann von einem lokalen Chemikalienhändler zum Mineralölgroßhändler in den Schwerölhandel.
Nun ist Schweröl nicht unbedingt das nachhaltigste Produkt. Meiner Meinung nach ist es aber immer noch ein gutes Produkt, wenn man entsprechend damit umgeht. Zum Beispiel, wenn Rauchgasreinigungsanlagen eingesetzt werden, ist es ein verhältnismäßig gutes Produkt.

Irgendwann kam bei mir die Midlife Crisis auf, in der ich mich umschaute und viele Dinge hinterfragte. In dieser Zeit begann ich, mich im Naturschutz zu engagieren mit dem Schwerpunkt Schutz von Haien. Diese Tiere strahlen eine unheimliche Faszination auf mich aus. Sie existieren bereits seit vielen Millionen Jahren unverändert und sind dabei perfekt an ihre Umwelt angepasst. Aber nur Petitionen unterzeichnen, reichte mir nicht mehr aus und ich wollte regional aktiv werden.
Somit engagierte ich mich ehrenamtlich bei Greenpeace Stuttgart im Bereich Meere, wo ich zum Meeretrainer ausgebildet wurde, d. h. ich darf ehrenamtliche Mitarbeiter zum Thema Meere ausbilden.
In dieser Zeit setze ich mich auch mit dem Thema Plastik im Meer auseinander und verstand, dass nicht nur das Plastik im Meer, sondern auch an Land ein großes Problem darstellt.

Liebe Freunde von Schüttgut Stuttgart,
heute, 30.05.2017, feiert Schüttgut – nachhaltige & unverpackte Lebensmittel…

Gepostet von Schüttgut – nachhaltige & unverpackte Lebensmittel am Montag, 29. Mai 2017

Während ich dieser ehrenamtlichen Tätigkeit und meinem eigentlich Job im Mineralölgroßhandel nachging, folgte nach 20 Jahren im Unternehmen das berufliche einvernehmliche Ende. Dies war meine Chance, mir den Freiraum zu nehmen, über neue Wege nachzudenken und der Moment, professionelles Coaching in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur eines: das, was ich vorher gemacht hatte, wollte ich nicht weitermachen.

Wir erstellten eine Metaplanwand mit meinen Fähigkeiten, auf der in der Mitte auf einmal meine Leidenschaft des Verhandelns ins Auge stach. Mir fiel aber auf, dass das Wort für mich persönlich falsch geschrieben war und das es eigentlich Fairhandeln heißen sollte. Dies war mein persönlicher Moment der Erkenntnis, der mich bis heute geprägt hat.

Zunächst verfolgten wir den Ansatz, einen Brotjob für mich zu finden, der mich und meine Familie ernährt und privat etwas, was mich glücklich macht. Nach unzähligen Bewerbungen und der beginnenden Arbeitslosigkeit eröffnete 2014 der Original Unverpackt-Laden in Berlin. Was zu dieser Zeit der dritte Unverpackt-Laden in Deutschland war und die größten Wellen, sogar bis zu mir nach Rutesheim, schlug.

Schüttgut Stuttgart

Da traf es mich dann: Kaufmännisch aktiv sein, Welt retten und Lebensmittel – das ist es!
Das war genau die Kombination, die mich glücklich machen sollte. Im Oktober besuchte ich dann im Rahmen einer Deutschland-Rundreise alle 3 Unverpackt Läden und entwickelte meine eigene Idee eines Ladens für Stuttgart. Mit der Unterstützung eines Unternehmensberaters entwickelte ich einen Businessplan, um auch die ökonomische Sinnhaftigkeit bewerten zu können und mich für eine Gründungszuwendung von der Agentur für Arbeit zu bewerben, die ich dann auch erhielt. Im März 2015 wurde gegründet, und schnell hatten wir eine Ladenfläche im Stuttgarter Süden, welche jedoch vom Schimmel befallen und somit ungeeignet war.
Dann ging die lange Suche nach einer geeigneten Ladenfläche los, was mir jedoch die Zeit gab, die Philosophie des Ladens weiterzuentwickeln, denn es geht ja nicht nur um verpackungsfreies Einkaufen – hier steckt ja viel mehr dahinter.

Im Januar 2016 fand ich dann diesen Laden im Stuttgarter Westen– zwar etwas klein aber die Lage ist ein Traum. Gemeinsam mit einem Ladenbauer sollte hier ein Einkaufserlebnis für unverpacktes Einkaufen entstehen.

In diesem Zeitraum meldete sich auf einmal die Agentur für Arbeit und forderte den Gründungszuschuss, aufgrund der verzögerten Ladeneröffnung, zurück, was sich mitten im Eröffnungsprozess zu einem Rechtsstreit vor den Gerichten entwickelte.
Ohne uns davon unterbuttern zu lassen, eröffneten wir den Laden am 30. Mai 2016 und starteten mit 300 Produkten.

Als wir dann voller freudiger Erwartungen die Tore an diesem Tag öffneten, fanden wir…… gähnende Leere in unserem Laden. Erst nach 20 Minuten wurde der Laden dann aber gleich der Feuertaufe einer Zwillingsmama mit Kinderwagen unterzogen.
Seitdem können wir ein kontinuierliches Wachstum verzeichnen.

Welche Philosophie verfolgst du mit dem Schüttgut?

Unverpackt ist ein gutes Thema, weil es hilft, unnötigen Plastikmüll zu vermeiden. Ich bin der Meinung, das Kunststoff an sich kein schlechtes Produkt ist. Er ist nur zu schade, ihn nur einmal zu verwenden und dann wegzuwerfen. Meine Schütten zum Beispiel sind aus Kunststoff, weil sie günstig und leicht zu handhaben sind.

Die Philosophie meines Ladens ist Wertschätzung. Womöglich ist es das, was ich in meiner früheren Arbeit vermisst habe.

Es geht für mich, um:

  1. Wertschätzung gegenüber mir selbst
    – ich möchte von meiner Arbeit leben können.
  2. Wertschätzung gegenüber der Natur
    – es geht um Abfallvermeidung, schonenden Umgang mit unseren Ressourcen, bio-zertifizierte Produkte, Regionalität & Saisonalität.
  3. Wertschätzung gegenüber den Tieren
    – wir selbst sind Vegetarier und auch unser Laden ist ein rein vegetarischer Laden. Im Bereich Käse und Butter verfolgen wir das Prinzip des größtmöglichen Tierwohls.
  4. Wertschätzung gegenüber den Menschen, die für die Produkte arbeiten
    – hier geht es konkret um faire Löhne. Alle wollen gerne viel verdienen, aber keiner möchte es bezahlen. Man muss schon mehr ausgeben, wenn wir selbst mehr verdienen möchten. Landwirte in Deutschland leben leider zum Teil von Subventionen, die wiederum aus unseren Steuergeldern bezahlt werden.
  5. Wertschätzung gegenüber dem Kunden
    – der Kunde kauft hier nicht die Katze im Sack, sondern kann sich bei mir über die einzelnen Produkte und deren Herkunft informieren. Sie können nur so viel kaufen wie sie brauchen.
  6. Wertschätzung gegenüber dem Lebensmittel
    – wir können aktiv zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung beitragen. Mein geringster Verkauf waren 3 Lorbeerblätter für 7 Cent.

Wir versuchen, die Welt einfach ein bisschen besser zu machen.

Nach welchen Prinzipien handelst du?

Schüttgut Stuttgart

Ich bin kein Fan von Zero Waste, sondern vielmehr Low-Waste. Ich sage meinen Kunden und auch bei Vorträgen immer: Fangt erstmal an. Ihr müsst nicht gleich radikal umstellen. Nach einer meiner letzten Podiumsdiskussionen kam eine ältere Dame auf mich zu und sagte, dass sie jetzt total motiviert sei, auf Plastik und Verpackungen zu verzichten. Aber sie hat ein Problem: “Ich liebe Mon Cherie!” Was Sie nun von mir wollte: Absolution.

Ich kann nur betonen, es ist wichtig anzufangen und in den Bereichen, wo es praktikabel ist, etwas zu verändern. Ich persönlich zum Beispiel bin bekennender Bahn-Verweigerer. Ich liebe Autofahren. Viele Kunden machen sich Gedanken, dass es ja keinen Sinn ergeben würde, zu einem Unverpackt-Laden mit dem Auto zu fahren. Wieso? Wichtig ist es doch anzufangen. Die Gesellschaft suggeriert uns, dass es keinen Sinn ergibt, mit dem Auto zum Unverpackt-Laden oder Bioladen zu fahren und einzukaufen, aber dass es sinnvoll ist, mit dem Auto zu Aldi zu fahren und Berge von Plastikmüll zu produzieren.

Ich möchte mit meinem Laden inspirieren und nicht nur verkaufen. Das Prinzip Höher-Schneller-Weiter liegt mir fern. Es geht um die Wertschätzung. In meiner Überlegung für den Laden, hab ich mir ein Limit gesetzt, was ich hiermit verdienen möchte. Alles darüber hinaus wird anderweitig z. B. auf Mitarbeiter verteilt. Geld ist nicht alles. Für mich ist es wichtig, in Kontakt mit den Menschen zu sein und sogar Freundschaften zu knüpfen.

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Wie hat sich das Schüttgut entwickelt?

Schüttgut Stuttgart
Wir haben mit 300 Produkten begonnen und sind mittlerweile bei 750 Produkten auf 53 m2, womit wir mittlerweile mit einem kleinen Discounter mithalten können. Ein kleiner Discounter führt ca. 800 Produkte auf einer Fläche von 200 bis 300 m2. Dies führt natürlich zu einem höheren Arbeitsaufwand bei uns im Laden, da die Produkte regelmäßig nachgefüllt werden müssen.

Welche Produkte waren eine Herausforderung unverpackt anzubieten?

Ich bin immer im regelmäßigen Austausch mit meinen Lieferanten und mache sie auf andere Verpackungsalternativen aufmerksam.
Mein bestes Beispiel ist der Quark von Schrozberger. Bereits vor Ladeneröffnung fragte ich immer wieder an, ob Sie ihren Quark bitte im Glas anbieten. Auf jeder Messe suchte ich das Gespräch zum Betriebsleiter. Auf der letzten Messe kam er dann proaktiv auf mich zu und bedankte sich für meine Hartnäckigkeit. Der Quark im Glas ist bei Schrozberger mittlerweile der Top-Seller.

Auch meinen Weinlieferanten habe ich nach 2 Jahren des Nachfragens im letzten Jahr zum ersten Mal motivieren können, ihren Wein in Pfandflaschen abzufüllen. Derzeit ist es eine Sonderabfüllung für das Schüttgut.

Mir zeigen diese Beispiele: „Steter Tropfen höhlt den Stein“.
Aus diesem Grund fordere ich auch meine Kunden auf, die Hersteller proaktiv anzuschreiben, wenn sie ein bestimmtes Produkt unverpackt bzw. in alternativen Verpackungen vermissen. Gemeinsam können wir Hersteller und Lieferanten weichklopfen.

TIPP

Replace Plastic App

Mit der App „Replace Plastic“ kannst du genau das machen. Hier können wir gemeinsam den Herstellern mitteilen, dass wir uns ihre Produkte ohne Plastikverpackungen wünschen.
Replace Plastic App herunterladen

Welches Produkt aber tatsächlich zunächst eine Herausforderung war, ist Zahnseide. Es gab Sie in Glas verpackt, nachfüllbar und aus Seide. Also sterben dafür Tiere. Die Alternative war Zahnseide in Pappe verpackt mit ein bisschen Plastik aus Nylon. Ist zwar auch Kunststoff aber vegan. Nach 2 ½ Jahren gibt es nun eine Zahnseide auf Basis von Maisstärke, die ist vegan, im Glasflakon und mit Refill.

Mit unserem Aufstrich-Lieferanten habe ich einen Deal ausgehandelt, dass wir die Gläser von unseren Kunden wieder zurücknehmen und sie ihnen überlassen. Solche individuellen Absprachen und Beziehungen funktionieren aber derzeit nur, wenn Kleinunternehmen mit Kleinunternehmen zusammenarbeitet.

Das kann dann auch ein Vorbild für Großbetriebe sein. Was mich zu unserem Essig- und Öl-Hersteller Beutelsbacher bringt. Unsere Essige boten wir sonst offen an, nun haben wir diese teilweise aus dem Sortiment genommen und bieten diese in der Pfandflasche an. Vorteil: Pfandflaschen sind Mehrwegglas, wird also mehrmals verwendet. Davor hatte ich zum Auffüllen meiner Essige Kunststoffkanister, die jetzt wegfallen.

Weiteres Beispiel: die Sonett-Produkte (Waschmittel, Spüli etc.) werden in Kanistern zum Abfüllen geliefert und anschließend im gelben Sack entsorgt. Was für den Recyclingprozess höchst interessant ist, da es sich hierbei um sortenreinen Kunststoff in großen Mengen handelt. Sonett hat nun lange experimentiert und ab diesem Jahr wollen Sie die Kanister zurücknehmen, reinigen und wieder befüllen. Aus meiner Sicht könnte der Reinigungsprozess, der viel Wasser, Entschäumer und Desinfektionsmittel verbrauchen wird, für die Öko Bilanz kritisch sein.
Für uns ist es gut, da tatsächlich die Kanister einen Großteil unseres Plastikmülls, der in die gelben Säcke kommt, ausmacht.

Welcher und wie viel Müll fällt bei euch an?

Im Schnitt fallen im Laden 16 gelbe Säcke in 3 Wochen an. Wenn wir die Kanister von Sonett jetzt tatsächlich herausnehmen können, werden wir auf 5-6 gelben Säcken in 3 Wochen zurückfallen. Was bei den Mengen an Lebens- und Reinigungsmittel, die wir hier durchschleusen ein Witz ist.
Der meiste Müll der anfällt, sind Kartonagen. Derzeit haben wir einen Container, jedoch musste ich den zweiten bereits bestellen, weil es einfach zu viel ist.

Das Positive ist, dass – im Gegensatz zu Kunststoff mit einer Recyclingquote von 20 bis 40 % – Altpapier eine Quote von knapp 80 % aufweist. Problematisch im Lebensmittelbereich wird die Verwendung von recyceltem Altpapier als Verpackung für Lebensmittel eingestuft, da sich häufig Mineralölbestandteile wiedergefunden haben. Es gibt aber genügend Anwendungsfelder für Recyclingpapier, z. B. recyceltes Toilettenpapier. Papier kann bis zu 7x mal recycelt werden, bis die Faser zu kurz wird, sodass sie dann den letzten Gang durch die Toiletten nehmen kann.

Wird unverpackt Einkaufen das Modell der Zukunft?

Schüttgut Stuttgart
Die Menschen die hierherkommen erkennen, dass Unverpackt mehr ist, als nur unverpackt Einkaufen, sondern dass da eine Philosophie hinter steht. Wir sind die Nische von der Nische. Unverpackt Einkaufen wird in der Zukunft immer eine Nische bleiben. Meiner Meinung nach wird sich die Verpackungsindustrie generell ändern. Sie muss sich von einer Verpackung auf Mineralölbasis hin zu nachhaltigen Verpackungen auf nachwachsender Rohstoffbasis entwickeln.
Auch das Thema Mehrweg kann viel stärker forciert werden. Wozu braucht es Joghurt im Plastikbecher, den gibt es doch auch im Glas. Und ja, Glas braucht lange, bis es verfällt, aber im Endeffekt ist es Sand. Ich kann Glas einschmelzen und daraus wieder ein Lebensmittel Behältnis machen. Das geht mit Kunststoff nicht.

Unsere Joghurt- und Milchbehälter werden mehr als 60-80x wiederverwendet (basierend auf einer Aussage von Schrozberger). Und genau da müssen wir hin.

Was ist euer Topseller?

Unsere Bananen sind mengenmäßig das am meisten gehandelte Produkt bei uns im Laden. In 2018 haben wir über 2 Tonnen Bananen verkauft. Was doch auch wieder witzig ist: eines von der Natur verpacktes Produkt ist der Bestseller im Unverpackt-Laden 🙂

Wie empfindest du die Sauberkeit unserer Stadt?

Ich war schon immer sehr naturverbunden und war in jungen Jahren Angler. Leider war bereits Ende der 70er/Anfang der 80er die Verschmutzung der Gewässer hier in der Gegend ganz schlimm. Ich kann mich noch erinnern, dass wir mal in Leonberg den Parksee saubermachten und über die Müllberge schockiert waren.
Ich würde sagen, das Ausmaß der Verschmutzung ist gleich geblieben, aber andersartig heutzutage. Auf jeden Fall ist das Empfinden ein anderes. Wenn ich jemanden auf der Straße mit einem Coffee-to-go Becher sehe, denke ich „Junge, hast du den Schuss eigentlich noch nicht gehört?“

Zigarettenkippen sind für mich ein echtes Thema. Allein gestern lagen wieder mehr als 3 Kippen vor meinem Laden. Ich weiß, dass Zigarettenkippen ca. 5-10 Jahre brauchen, um abgebaut zu werden und bis zu 50 Liter Grundwasser verunreinigen können. Ich habe nichts gegen Raucher und bin selber ehemaliger Raucher. Früher gab es bei den Five Pocket Jeans extra die kleine Tasche für den Zigarettenfilter, sodass man sie nicht in die Landschaft, sondern im nächsten Aschenbecher entsorgen konnte.

Im Auto haben die Leute einen Aschenbecher, dennoch schmeißen sie ihre Filter aus dem Fenster. Wo ich mir dann die Frage stelle: Schnippen Sie daheim ihre Filter auch auf den Teppichboden?

Ich beobachte oft eine gewisse Unachtsamkeit. Gelbe Säcke werden herausgestellt, wenn Sturm ist und nicht festgebunden. Und dann braucht man sich nicht wundern, wenn wir auf einmal den kompletten Müll in unseren Straßen wiederfinden.

Wie kann man mit dem Thema Vermeidung von unnötigem Verpackungsmüll noch mehr Menschen erreichen?

Schüttgut Stuttgart
Hier sehe ich ganz klar den Staat in der Pflicht, Verbote zu erlassen. Nur durch Verbote können wir erreichen, dass wir generell Nein sagen zu Coffee-to-go Bechern.
Aufklärung ist ein zweiter wichtiger Aspekt. Wenn ich gefragt werde, was jemand selber tun kann, ist mein Rat: „Fangen Sie an zu denken. Welche Auswirkungen hat ihr Tun – und zwar im Vorfeld.“

Was mir ja nicht bewusst war bis vor kurzem: Lebensmittelabfälle aus den Supermärkten werden kompostiert und auf den Feldern als Kompost verteilt. An sich eine super Idee, wenn die Lebensmittel vorher ausgepackt werden würden. Die Düngemittelverordnung lässt es zu, dass die Lebensmittel in ihren Plastikverpackungen in die Container geworfen werden dürfen, in die Kompostieranlage kommen, dort verhackstückelt werden und dann auf die Felder kommen. Das heißt: auf einmal haben wir Mikroplastik überall.

Meiner Meinung müssen wir jetzt relativ schnell die Kurve kriegen. Das Umdenken muss im Kopf stattfinden, wir bieten mit unserem Schüttgut nur eine Möglichkeit.


Wir danken Jens-Peter für diesen Einblick in seine Arbeitswelt als Gründer eines Unverpackt-Ladens in Stuttgart. Ich sehe darin  einen großen Beitrag an die Gesellschaft, der zeigt, dass man auch nachhaltig wirtschaften kann. Mit seinem Laden gibt er eine Lösung vor, die uns ermöglicht, eine bewusste Entscheidung gegen Verpackungsmüll zu treffen. Denn wenn es nur die konventionellen Discounter gäbe, könnten wir uns als Konsumenten tatsächlich kaum dem Müll-System entziehen. Vielen Dank für das Interview, Jens-Peter. Und natürlich auch an Lisa, die das Interview durchgeführt hat.

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Thomas

Thomas

Auf Cleanup Network setze ich meine berufliche Erfahrung im Online-Geschäft ehrenamtlich und gemeinnützig ein, um meine Mitmenschen für das Thema Vermüllung zu sensibilisieren und mobilisieren. Der Netzwerkgedanke ist der Kern dieser Plattform. Daher freue ich mich über jede Form der Kontaktaufnahme.

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