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Zigarettenpfand/Kippenpfand – Interview mit dem Ideengeber des Pfands auf Zigaretten

zigarette in umwelt - petition zigarettenpfand

Regelmäßige Leser von Cleanup Network kennen unser Engagement, über das Problem mit den Zigarettenkippen aufzuklären.  Während der letzten 12 Monate haben wir etliche Informationen zu dem Thema zusammengestellt und auch im echten Leben Aktionen dazu durchgeführt. Sei es das Sammeln von Zigarettenstummeln an öffentlichen Plätzen, das Verteilen von Taschenaschern oder eben einfach Gespräche am Rande unserer Cleanups. Und es trägt Früchte. Hier in Stuttgart zumindest ist deutlich ein Umdenken zu spüren. Jetzt, wo viele Menschen darüber aufgeklärt sind, ist es erst möglich, den Fokus der Debatte auf Lösungsansätze zu lenken – denn man benötigt den Rückhalt in der Gesellschaft, sonst können solche radikalen Vorschläge nicht fruchten. Stephan von „Die Aufheber“ hat dazu eine Idee: Zigarettenpfand. Was das genau zu bedeuten hat, erklärt er uns in einem ausführlichen Interview. Hinterlasst uns unbedingt eure Meinung in den Kommentaren auf Facebook oder direkt hier, damit wir uns ein noch genaueres Bild vom Stand der Debatte machen zu können.

Kannst du unseren Lesern erläutern, was genau das Problem mit weggeworfenen Kippen ist?

Umweltproblem Zigaretten

Stephan von Orlow: Lass mich das mit einem Zitat aus unserer Petition erläutern. Den jeweils aktualisierten Text aus unserer Petition findet Ihr immer online unter http://www.aufheber.de/Petition_Zigarettenpfand.pdf, denn wir werden unsere Erkenntnislage, die sich stetig erweitert, dort veröffentlichen. Heute aber erst einmal so viel:

Eine amerikanische Studie geht davon aus, dass weltweit bis zu 80% aller Zigaretten auf den Boden geworfen werden. Somit landen schätzungsweise jährlich 4,5 Billionen Zigarettenfilter in der Umwelt. 204 Mio. Zigaretten werden allein in Deutschland durchschnittlich pro Tag geraucht [Statista – Stand 2018].

82% der deutschen BürgerInnen fühlen sich von achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen gestört [Statista – Stand 2018]. Überraschen mag ein inhaltlicher Widerspruch befragter RaucherInnen: Obwohl 86% der Befragten Zigarettenkippen als Müll einstuften, gaben drei Viertel von ihnen an, diese auf den Boden oder aus dem Auto zu werfen.

stephan von orlow von die aufheber

Neben ästhetischen Faktoren (saubere Wege, etc.) spricht auch die Entlastung der öffentlichen Haushalte dafür. Als drittes und wichtigstes Argument sind ökologische Wirkungen zu nennen. Unter den 4.000 in Zigarettenkippen enthaltenen Substanzen befinden sich Nikotin, Arsen, Cadmium, Kupfer, Blei, Benzol, Chrom, Blausäure und Dioxin. Diese sind nicht nur für den Menschen giftig, sondern auch für die Umwelt. Durch Sonneneinstrahlung oder Regenwasser werden Zigarettenstummel in kleinere Bestandteile zerlegt und gelangen so in den Boden und (direkt, durch Verwehung oder über die Kanalisation) in Gewässer. Eine Studie zeigte, dass 50% des Nikotins in einem Zigarettenrest bereits nach 30 Minuten heraus gelöst sein können. Eine andere wies jene Kohlenwasserstoffe im Boden nach, die in den auf ihm entsorgten Zigarettenkippen enthalten sind und identifizierte letztere als die Quelle für die z.T. krebserregenden Substanzen. Auch die Auswaschung von Metallen aus Zigarettenresten und ihre potentielle Schädlichkeit für die Umwelt konnte nachgewiesen werden.

Es wird häufig behauptet, dass ein Zigarettenstummel mehr als 40 Liter Grundwasser vergiftet (eine wissenschaftliche Quelle, die dies bestätigt, konnten wir bisher jedoch nicht identifizieren) (Anm. d. Red. Quellen 1, 2, 3 – die 40 Liter sind ein Rechenbeispiel anhand der Daten aus verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen). Nachgewiesen sind hingegen die Effekte auf zahlreiche Organismen: Experimente mit Seeringelwürmern, Bakterien und Wasserflöhen, Froschembryos und Fischen und zeigen exemplarisch, dass aus Zigaretten gelöste Giftstoffe Tieren erhebliche Schäden zufügen können. Diese reichen von Verhaltensstörungen über Missbildungen und DNA-Veränderungen bis zum Tod. Ein Achtel einer Zigarettenkippe reichte um alle Wasserflöhe in einem Liter Wasser zu töten. Fünf Kippen pro Liter Wasser töteten sämtliche Schnecken darin. Die während 24 Stunden aus einer Zigarettenkippe gelösten Giftstoffe reichten aus um 50% aller Süß- und Salzwasserfische in einem Liter Wasser in einem Zeitraum von 96 Stunden zu töten. Wenn größere Tiere (z.B. Hunde) und Menschen (z.B. Kleinkinder) gefundene Zigarettenkippen verzehren, erleiden diese in der Regel gesundheitliche Schäden.

zigarettenpfand könnte das Umweltproblem lösen

Über Bäche und Flüsse gelangen Große Mengen Zigarettenkippen auch ins Meer. An stadtnahen Ostseestränden sind (dort entsorgte und angespülte) Stummel die häufigste Art von Unrat. Im Durchschnitt wurden auf 23 Stränden in vier Ländern 302 Kippen pro 100 m gefunden. Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), sind über 53% des Mülls an den Stränden der Ostsee Zigarettenkippen und auch an der Nordsee landen sie bei Müllsammelaktionen regelmäßig in den Top 10 der häufigsten Müllteile. Bezugnehmend auf wissenschaftliche Studien, berichten die NBC News, dass Zigarettenrückstände in 70 Prozent aller untersuchten Seevögel und in einem Drittel der Meeresschildkröten nachgewiesen wurden. Neben der toxischen Wirkung von Stoffen, die aus Zigarettenkippen gelöst werden, ist auch der Zerfall der Filter selbst eine Gefahr für wasserbewohnende Organsimen. Zigarettenfilter bestehen in der Regel aus dem Kunststoff Zelluloseacetat und zerfallen nach und nach in immer kleinere Bestandteile. Diese werden von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen.

  • Ein Zigarettenfilter wird durch chemische Prozesse besonders robust. So benötigt er auf natürlichem Wege 10 – 15 Jahre, bis der Filter biologisch abgebaut ist.
  • Gifte setzen sich beim Rauchen im Plastikfilter ab. Das Plastik zerfällt zu Mikroplastik, an dem sich weitere Schadstoffe im Wasser absetzen.
  • Fische nehmen das Mikroplastik und die Giftstoffe durch die Nahrung auf. Die Fische landen bei uns wieder auf dem Tisch. Selbst in menschlichem Kot wurde bereits Mikroplastik entdeckt [Österreichisches Umweltbundesamt 2018].
  • Zudem stellen Zigarettenkippen – wie alle kleinen Fremdstoffpartikel – eine Bedrohung für Meereslebewesen dar. Diese können kleine im Wasser befindliche Partikel jeder Art mit Nahrung verwechseln, was zur Verstopfung im Verdauungsapparat mit möglicher Todesfolge oder zum Verhungern mit gefülltem Magen führen kann.

Du hast die Initiative „Die Aufheber“ gestartet. Welche Rolle spielt diese Initiative bei diesem Thema?

Stephan von Orlow von Die Aufheber Berlin

Stephan von Orlow mit seiner Tocher von Die Aufheber

Stephan von Orlow: Die Konsequenzen unseres Handelns in der Umwelt zu verstehen benötigt eine Phase persönlichen Lernens, so meine Erfahrung mit mir selbst. Am Anfang stand die Motivation etwas gegen den Müll auf unseren Böden zu tun. Mit „Die Aufheber“ entwickelten wir das Format, in einer kleinen Geste für die Umwelt viele Menschen zu motivieren, nur drei Stück Abfall pro Tag auf dem Weg zur Arbeit, Schule oder zum Einkaufen in die nächste Mülltonne zu entsorgen. Unsere Theorie war – wenn nur genügend viele Menschen teilnehmen, würde sich im Verhalten unserer Gesellschaft etwas Entscheidendes verändern.

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Dann war es soweit – die Chinesen wiesen den deutschen Müll ab (März 2018) und wir lernten, dass egal wieviel Müll wir lokal auch in die Mülltonne warfen – es wäre nie genug, da anschließend keine ökologische Weiterverarbeitung stattfinden würde. Wir schließen mit unseren Abfällen keine Ressourcenkreisläufe, sondern entsorgen sie im Wesentlichen auf die Müllkippen – weltweit. Von dort aus war es ein kleiner Schritt zur Begründung der Kanban-Initiative – einem Thinktank für Ressourcenkreisläufe von Verpackungen, mit dem wir für einen konsequenten Wandel von Einweg zu pfandbasiertem Mehrweg werben.

Unsere Petition für Pfand auf Zigaretten und Zigarettenschachteln operationalisiert die Forderungen der Kanban-Initiative für einen Sektor. Pfand – also etwas aus dem eigenen Portemonnaie, sorgt dafür, dass wir den Abfall sortenrein an einen Punkt zurückführen lassen. Damit lösen wir die wichtigste Grundvoraussetzung, um Ressourcen in Kreisläufe zu schicken. Die Nebenbedingungen findet Ihr unter Kanban-Initiative.org, dazu zählt, dass die Branche sich auf Materialien für die Zigarettenpackungen einigt, so dass eine Sortenreinheit entsteht, die auch wiederverwendet werden kann – und natürlich weg von der Einwegverpackung zu einer Mehrwegverpackung.

Es gibt viele Lösungsansätze dafür, warum bist du ausgerechnet für das Zigaretten-Pfand?

Stephan von Orlow: Ich glaube, die Antwort auf die letzte Frage erläutert das in etwa. Aber kurz zusammengefasst, Menschen lassen sich in großen Gesellschaften nicht kurzfristig auf ein gemeinsames Ziel einschwören, Sensibilisierungsmaßnahmen haben immer nur sehr begrenzte Reichweite. Alle Sammelaktionen sind immer Symptombehebungen – die Zigaretten haben ihr Gift dann aber schon potentiell an den Untergrund abgegeben, die Zigarettenpackungen wurden bereits vom Rasenmäher in den Boden eingearbeitet, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wir brauchen also etwas, um das Symptom wirksam zu bekämpfen, das heißt einen Mechanismus zu schaffen, dass die Zigaretten und Packungen erst gar nicht weggeworfen werden. Das Pfand ist der stärkste Mechanismus, um das sicherzustellen. Und wenn Raucher trotzdem weiter pro Schachtel vier Euro auf den Boden werfen, gebe ich meinen Job auf und löse das Problem für sie – aber ich habe keine Sorge, dass das passiert. Die Geldbörse war schon immer der wirksamste Mechanismus, notwendige Maßnahmen durchzusetzen. Und der umweltbewusste Raucher wird dem sicherlich zustimmen, denn er erhält sein Pfand zurück, es kostet ihn praktisch ja nichts.

Wie genau soll das mit dem Zigarettenpfand funktionieren?

zigaretten pfandsystem

Stephan von Orlow: Ganz einfach – mit dem Kauf der Schachtel Zigaretten zahle ich pro Zigarette einen Pfand von mindestens 20 Cent, das heißt etwa 4 Euro pro Schachtel. Gebe ich die Kippenreste und die zugehörige Packung zurück, bekomme ich mein Geld zurück. Die Packung wird also explizit Teil des Pfandsystems. Details findet Ihr in einem Prozess-Schaubild in unserer Petition.

Du möchtest dazu eine Petition ins Leben rufen. Was ist dein konkretes Ziel mit der Petition?

Stephan von Orlow: Wir erwarten, dass unser Konzept durch die Zigarettenindustrie umgesetzt wird. Falls man dort nicht bereit ist, das freiwillig zu tun, muss die Politik ein Gesetz erlassen, dass die Umsetzung erzwingt. Es gibt keine Zeit zu verlieren.

Wie möchtest du die Zigarettenindustrie dazu mit ins Boot holen?

Stephan von Orlow: Durch ein konkretes Gesprächsangebot, durch ein gutes Konzept oder, wenn alle Vernunft versagt, durch eine politische Regulierung innerhalb Deutschlands oder der Europäischen Union. Aber zunächst durch Vernunft und Dialog – auch Menschen, die in der Zigarettenindustrie arbeiten, haben Kinder. Wir können das gemeinsam schaffen.

Müssten die Annahmestellen – also die Zigarettenverkaufsstellen – nicht auch mitspielen? Welchen Anreiz gibt es aus deren Sicht mitzumachen?

Stephan von Orlow: Die Anreize muss die Zigarettenindustrie ausstrahlen, denn sie benötigen Vertriebsstellen und künftig Rückgabestellen.

Raucher könnten das Gefühl bekommen ihrer Freiheit beraubt zu werden. Was sagst du zu ihnen?

Stephan von Orlow: Bitte macht mit – lest unsere Petition, versteht den Schaden, der durch 200 Mio. Zigaretten in Deutschland und 72 Mio. Packungen in der EU verursacht werden – pro Tag. Lasst uns das gemeinsam schaffen, damit unsere Kinder eine Zukunft haben.

Sensibilisierungskampagne an Bahnhof

aschenbecher an stuttgarter bahnhof

Kannst du uns noch weitere Lösungsansätze nennen, die am gleichen Strang ziehen?

Stephan von Orlow: Es gibt zahlreiche Initiativen wie „Die Aufheber“ oder die Mitglieder des Cleanup Networks, die sich jeden Tag mit Schadensbegrenzung beschäftigen, indem sie tausende von Zigaretten aus den Ritzen der Böden aufheben. Es gibt die Tobacycle Initiative, die die Raucher positiv anspricht und um Unterstützung und Verständnis bittet, ihre Kippenreste einzusammeln und zentral zu verwerten. Die deutsche Gesellschaft gibt jährlich eine unbekannte, schätzungsweise mindestens zweistellige Millionensumme aus, um die Zigaretten durch die Stadtreinigungen aufsammeln zu lassen. Das Cradle to Cradle Netzwerk denkt in Materialkreisläufen – die wichtigste Basisüberlegung für unsere Initiative. Die größte Leistung erbringt aber die Natur, die in einem langen Prozess der Verarbeitung unseren menschlichen Müll entsorgt und sich dabei selbst vergiftet – das Ergebnis ist das unfassbare Artensterben unserer Zeit.

Wann soll es mit der Petition losgehen?

Stephan von Orlow: Wir starten in der KW24, voraussichtlich am 11.06.2019. Bitte seid dabei und denkt daran, den Schaden aus Zigarettenkonsum an der Umwelt abzuwenden ist nur der erste Schritt. Ihr findet den Link zu der Petition auf unserer Webseite aufheber.de, sobald Ihr Eure Stimme für die Zukunft unserer Kinder abgeben könnt. Herzlichen Dank für Eure Unterstützung – gemeinsam können wir die großen Probleme unserer Zeit lösen, davon bin ich überzeugt.

UPDATE: Hier ist der Petitionslink: https://www.change.org/Zigarettenpfand


Lieber Stephan, vielen Dank für das Interview. Dein Engagement ist wirklich zu würdigen. Ich und das ganze Cleanup Network stehen dir zur Seite. Gemeinsam können wir konkrete Veränderungen vorantreiben. Und Ihr, liebe Leser, seid aufmerksam! Sobald die Petition gestartet ist, werden wir euch natürlich informieren. Abonniert unseren Newsletter, falls ihr nichts verpassen möchtet.

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Thomas

Thomas

Auf Cleanup Network setze ich meine berufliche Erfahrung im Online-Geschäft ehrenamtlich und gemeinnützig ein, um meine Mitmenschen für das Thema Vermüllung zu sensibilisieren und mobilisieren. Der Netzwerkgedanke ist der Kern dieser Plattform. Daher freue ich mich über jede Form der Kontaktaufnahme.

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